Vom Klosterarchiv ins Stadtarchiv Niddatal I:
Von Dr. Henning Hachmann
Ein unscheinbarer alter Bucheinband im Archiv des Geschichtsvereins Niddatal barg ein unglaubliches Geheimnis. Bei seiner Arbeit stieß Stadtarchivar Dr. Dierk Loyal auf ein Pergamentstück, das jahrhundertelang als simple Einbandverstärkung diente. Doch was er in Händen hielt, war kein Abfall, sondern ein Schatz: ein Fragment, das uns direkt in die Klang- und Glaubenswelt des späten Mittelalters katapultiert.
Dieses Fragment sowie weitere Pergamentseiten aus dem 13. bis 15. Jahrhundert waren Teil der ehemaligen Klosterbibliothek Ilbenstadt. Zuvor ein echter Schatz, der bedauerlicherweise mit der Auflösung durch die Säkularisation des Klosters in der Zeit nach 1803 verloren ging. Statt die Bücher zu verbrennen, wurden sie zum Teil verkauft oder zerlegt, um daraus in Zweitverwendung Rechnungs- und Steuerbücher zu erstellen oder Buchrücken zu stabilisieren. Das Material war auch damals zu wertvoll, um es nur einmal zu recyceln; es wurde mehrfach wiederverwendet. Einzelne Blätter haben im historischen Stadtarchiv Niddatal überdauert. Das bekannteste Buch aus der Klosterbibliothek ist das Psalterium-Diurnale – Horae, das heute in der Landesbibliothek Darmstadt unter der Nummer Hs 2230 zu finden ist. Ein wahres Kleinod und ein deutsches Kulturgut aus dem Jahr 1250 herum.
Was Sie hier sehen, ist nicht nur ein altes Stück Tierhaut. Es ist ein über 600 Jahre altes Notenblatt aus einem prachtvollen Chorbuch, kunstvoll von Hand geschrieben und gesungen, als in Niddatal noch eine ganz andere Zeit herrschte. Die Schrift – ein gotisches Kunstwerk. Die Noten – eine fast vergessene musikalische Sprache.
Jahrhundertelang versteckt, zerschnitten und als Füllmaterial in einem Buchdeckel „missbraucht“ – eine damals übliche Praxis –, hat dieses Fragment eine unglaubliche Reise hinter sich. Es ist ein seltener Glücksfall, dass dieses Stück Pergament die Zerstörung überlebt hat, um uns heute seine Geschichte zu erzählen.
DIE SPURENSUCHE BEGINNT...
Was sangen die Menschen damals? Woher stammt dieses kostbare Blatt? Und welche Geheimnisse verbergen sich in den kunstvollen Zeichen? Auf der nächsten Seite nehmen wir Sie mit auf eine spannende detektivische Reise und entschlüsseln die Botschaft dieses mittelalterlichen Schatzes aus Niddatal!
Die Geheimnisse des Niddataler Fragments
Die Botschaft der Heiligen: Was uns der Text verrät
Die Experten des Geschichtsvereins sind sich einig: Bei dem Text handelt es sich um einen Ausschnitt aus der Sequenz „Omnes sancti seraphin“, einem feierlichen Gesang für das Hochfest Allerheiligen. Der sichtbare lateinische Text lautet: „...nos fragiles homines firmate precibus...“ – übersetzt: „...uns gebrechliche Menschen, stärkt mit Bitten...“. Es ist ein direkter Ruf an die himmlischen Heerscharen und Heiligen, ein Gebet, das vor über 600 Jahren in einer prunkvollen Messe erklang.
Hufnägel als Noten: Der musikalische Fingerabdruck
Die seltsam anmutenden Noten sind der Schlüssel zur Herkunft des Fragments. Es handelt sich um die sogenannte „Hufnagelnotation“. Diese spezielle Art, Melodien aufzuschreiben, war fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum des späten Mittelalters verbreitet – im heutigen Deutschland und Österreich. Wie ein regionaler Dialekt verrät uns die Musikschrift, dass unser Fragment aus dem Herzen des alten Heiligen Römischen Reiches stammen muss.
Die Schrift: Gotische Baukunst auf Pergament
Die Schrift ist eine meisterhafte Gotische Textura Quadrata. Ihr Name „Textura“ (Gewebe) beschreibt perfekt das dichte, gewebte Aussehen. Die scharfen, gebrochenen Bögen und die strenge Vertikalität erinnern an die Architektur gotischer Kathedralen. Jeder Buchstabe wurde kunstvoll konstruiert – eine mühsame Arbeit, die nur für die wertvollsten Bücher wie liturgische Prachtcodices aufgewendet wurde.
Das Urteil der Experten: Ein Schatz aus dem Herzen Europas
Alle Spuren deuten in dieselbe Richtung: Das Notenblatt aus Niddatal wurde zwischen 1350 und 1450 in einem professionellen Skriptorium im süddeutsch-österreichischen Raum angefertigt. Es war einst Teil eines riesigen, schweren und unermesslich teuren Chorbuchs, das für eine bedeutende Kathedrale oder ein reiches Kloster bestimmt war. Aus einem solchen Buch sang ein ganzer Chor von Mönchen oder Klerikern die heiligen Messen.
Vom Altar zum Altpapier – und zurück ins Licht
Die Entdeckung von Dr. Dierk Loyal ist mehr als nur ein Glücksfall. Sie erzählt die dramatische Geschichte eines heiligen Objekts, das die Säkularisation des Klosters Ilbenstadt und der Vernichtung der wertvollen Klosterbibliothek überdauerte, indem es als unscheinbares Recyclingmaterial in einem Buchdeckel versteckt war. Nun ist dieser Bote aus einer fernen Zeit zurückgekehrt und gibt uns in Niddatal einen einmaligen Einblick in die Kunstfertigkeit und den Glauben unserer Vorfahren.
Der lateinische Text des Gesanges lautet: Omnes sancti seraphin cherubin throni quoque | Dominationesque principatus potestates virtutes | Archangeli angeli vos decet laus et honores | Ordines novenos spirituum beatorum | Quos in dei laudibus firmavit caritas | Nos fragiles homines firmate precibus | Ut spiritales pravitates vestro juvamine vincentes fortiter | Nunc et in aevum vestris simus digni sollemniis interesse sacris | Vos quos dei gratia vincere terrea | Et angelis socios fecit esse polo | Vos patriarchae prophetae apostoli confessores martyres monachi virgines | Et viduarum sanctarum omniumque placentium populus supremo domino | Nos adjutorium | Nunc et perenniter | Foveat protegat ut vestrum in die poscimus gaudiorum vestrorum.
Die moderne Interpretation des Gesanges "Omnes Sancti Seraphim" können Sie auf YouTube hören.